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Beinamputierte und Zwangshilfsmaßnahmen?



Stellen wir uns vor:


Ich bin Vater und habe eine Tochter, die ein Jahr alt ist und keine Beine hat.


Es ist meine selbstverständliche Pflicht alles gegen die Bewegungsbehinderung zu tun.
Ich kann mir nicht vorstellen, dann von bestimmten, beinamputierten Menschen angegriffen zu werden, weil ich alles für meine Tochter tue, damit sie an unserer Gesellschaft so weit wie möglich teilhaben haben kann.

Sollte ich mich nicht ausreichend um meine Tochter kümmern, muss man froh sein, wenn dann im Zweifel das Jugendamt sich einschaltet oder Ärzte, Nachbarn, Verwandte, Freunde aktiv werden.

Es ist unsere gesellschaftliche und staatliche Pflicht alles zu tun, ausreichende Hilfen zu ermöglichen und diesen Menschen dank der Hilfen bestmögliche Teilhabe an unserem gesellschaftlichen Leben anzubieten.

Es ist klar und selbstverständlich, dass Menschen ohne Beine eine Behinderung haben.


Es ist deshalb klar, welche Pflicht ich habe. Ich muss mich für das Wohl des Kindes entscheiden, auch wenn ich keinen Rollstuhl leiden mögen würde oder auch keine Beinprothesen.

Ich würde lieber ohne Hilfsmittel leben wollen?


Ganz sicher nicht, auch dass ich selbst keine Beine habe.
 Ich möchte Teil unserer Gesellschaft sein und freue mich über die Chancen, die mir gegeben werden, so dass ich mich aus der Welt der Beinamputierten hinaus bewegen kann.


Genau das möchte ich für meine Tochter erreichen, damit sie eher glücklich werden kann, was sie garantiert nicht sein würde, wenn sie keine Teilhabechancen bekommen würde. 

Dies als ähnliches Beispiel zum Thema, ob CI ja oder nein.


Wohlwissend um einen Shitstorm zu meinen Gedanken und meiner politischen Stellung:


http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/37005

Nicht erwogen wird in diesem Artikel die Erfolgsquote der CI-Operationen, die ist deutlich höher ist und zudem mit den Jahren auch steigend.



Es gibt zwar keine 100%-Garantie für den Erfolg einer OP, wird es auch nie geben und es gibt die oft falsche Erwartungshaltung nach einer CI-OP, man könne dann so gut hören wie ohne Höreinschränkungen. Auch bei vielen Hörgeräteträgern gibt es oft die ebenso falsche Erwartungshaltung, man hat ein Hörgerät und dann könne man genauso gut hören wie ein Mensch ohne Hörschaden.


Es kommt jedoch auf die wichtige Möglichkeit an, dass ich dank technisch möglicher Hilfen oder einer OP wieder besser hören, wieder hören oder erstmals hören kann, auch wenn ich in manchen oder mehreren Fällen dennoch auf die danach weitergehende zusätzliche Unterstützung durch die lautsprachbegleitenden Gebärden oder einer Gebärdensprache angewiesen bleiben sollte.

Die Gründe dafür, dass Hörgeräte von Betroffenen abgelehnt werden und/oder die lautsprachbegleitenden Gebärden zum großen Teil nicht erwünscht sind, wie auch nach wie vor kaum bekannt, sind wahnsinnig vielschichtig.

Hier zeigt sich u.a. auch, solange ich schon lebe, das nach wie vor das weitere, bestehende und ursächliche, Problem der unzureichenden Versorgung durch Psychotherapien nicht nur für Menschen mit Hörhilfen, sondern auch für hörgeschädigte Menschen ohne Hörhilfen.

Sinnesbehinderungen bedürfen zur Überwindung von bestimmten Barrieren eines enorm großen Kraftaktes, dessen Bedeutung und Umfang leider auch von entscheidenen politischen Instanzen in der Gesundheitspolitik noch immer nicht ausreichend verstanden wird.


Hier die beispielhaften Stellungnahme von Frau Christine Heil, die auf ein bestehendes Problem hinweist, dieses auch von verschiedenen Psychotherapeutenkammern kaum aufgenommen und nur unzureichend diskutiert, wie auch erwogen, werden
https://www.psychotherapeutenjournal.de/blaetterkatalog/PTJ-1-2017/files/assets/basic-html/page13.html

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4 Gedanken zu „Beinamputierte und Zwangshilfsmaßnahmen?



  1. Lieber Patrick,

    leider kann ich Deinem Blogartikel keine positive Facetten entnehmen!
    Es geht um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
    Für mich zeigt sich auf, wer gibt sie vor, wo fängt Teilhabe an und wo hört sie auf? Warum habe ich den Eindruck beim Durchlesen des Blogartikels, dass ich als Teilnehmer der Gesellschaft nicht bestimmen kann, was die Teilhabe per Definition für mich persönlich ist? Wann nehme ich Maßnahmen zur Teilhabe zu Hilfe?

    Dein Blogartikel ist als eine Veranschaulichung von Hilfsmaßnahmen bei Sinnes- und Extremitätenverlust zu verstehen. Ich verstehe den Artikel derart, dass Du aufzeigen möchtest, welche technische Möglichkeiten es heute gibt, um Formen von (Körper)Behinderungen zu erleichtern im Sinne der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, und dass diese technischen Möglichkeiten nicht als Zwangsmaßnahmen zu bewerten seien. Ferner ist die zumeist unzureichend im Angebot notwendige psychologische Unterstützung angerissen.
    Das kann neutral betrachtet werden, nur bekommt es in Deinem folgenden Vergleich einen makabren Beigeschmack.

    “Beinamputierte und Zwangshilfsmaßnahme?”

    Wie ich persönlich finde, wählst Du einen sehr unglücklich gewählten Vergleich mit einer (Beispiel-)Tochter, die ohne Beine zur Welt* gekommen sei, zum Gegenbeispiel ein Fall, der in Deinem Artikel nicht eingehender erwähnt wird, aber im Kontext ein schier wichtiges Detail ist, ein “Dominostein”, um Deinen Blogartikel überhaupt näher zu verstehen. Dies aus der Sicht eines Lesers ohne weiteres Hintergrundwissen. Es geht um ein geburtstaubes Kind, dessen Eltern (Mutter gehörlos, Vater schwerhörig, Familiensprache Deutsche Gebärdensprache) es nicht mit CI versorgen möchten.
    (*die im Übrigen somit nicht zur Gruppe der Beinamputierten gezählt werden kann, da seit Geburt.)

    Der gesondert zu betrachtende CI-Fall ist nicht erläutert, dennoch hast Du Dich explizit darauf bezogen, da Du den Link zur offiziellen Stellungnahme des Deutschen Gehörlosenbundes nennst und Dich somit auf das aktuell laufende Familiengerichtsverfahren in Südniedersachsen beziehst.

    Außerdem bist Du Dir eines möglichen Shitstorms auf Deine Blog-Gedanken und auf Deine politische Stellung bewusst, so wie Du es in Deinem Blogartikel erläuterst. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass Du den CI-Fall meinst.

    Mir stellt sich die Frage, ob Du möglicherweise nicht allumfassend über den Casus ‚HNO Klinik versus gehörlose Familie‘ in Kenntnis bist? Oder ziehst Du gar in Erwägung, die Eltern ins Licht einer unterlassenen Hilfestellung im Sinne der gesellschaftlichen Teilhabe zu ziehen, weil sie ein CI für Ihr Kind nicht wollen?

    Zitat aus Deinem Artikel: “Es ist unsere gesellschaftliche und staatliche Pflicht alles zu tun, ausreichende Hilfen zu ermöglichen und diesen Menschen dank der Hilfen bestmögliche Teilhabe an unserem gesellschaftlichen Leben anzubieten.”

    Es ist gut, dass es dieses Angebot gibt.
    An der Schnittstelle kann ich das Angebot annehmen oder auch nicht. Wer schreibt mir vor dass ich allein dank der Hilfen bestmögliche Teilhabe habe? Wer verbietet mir, dass ich auch ohne Hilfe an meinem gesellschaftlichen Leben teilhabe?

    Ausreichende Hilfe ist im Fall des tauben Kindes auch aus dem Grund da, dass eine Familiensprache, die Deutsche Gebärdensprache, vorhanden ist: Da ist eine gehörlose Familie, die ein CI für Ihr Kind nicht möchte und dennoch ihrem Kind eine Sprache geben KANN! Das Kind wird mit Gebärdensprache eine Kommunikationskompetenz haben!

    Die HNO Klinik hat sich über die Entscheidung der Eltern (“kein CI”) hinweg an das Jugendamt gewandt, das wiederum als Klage beim südniedersächsischen Familiengericht beantragt. Diese Klage ist mittlerweile nun angenommen und wird einer gutachterlichen Untersuchung unterzogen.

    Ich werfe eine weitere Stellungnahme hier hinein, die in Deinem Blogartikel nicht zur Sprache kommt. Folgendes Zitat stammt vom Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft e.V., Dr. med. R. Zeh (Präsident DCIG e.V.):
    “[…] Eine Cl-lmplantation gegen den Willen der Eltern ist aus Sicht der DCIG nicht im Sinne des Kindeswohls und würde sowohl dem Kind als auch der betroffenen Familie mehr Schaden als Nutzen zufügen.”

    Zurück zu Deinem Beispiel mit der Tochter ohne Beine: Natürlich wünscht sich ein Vater, dass die Tochter mit einem für ihren Komfort zugeschnittenen Hilfsmittel am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Natürlich spreche ich diesem den ureigenen menschlichen Wunsch und Bedürfnis nicht ab.

    Natürlich wünscht sich ein hörgeschädigter Mensch eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

    Ein weiteres Zitat aus dem Blogartikel: „Es ist deshalb klar, welche Pflicht ich habe. Ich muss mich für das Wohl des Kindes entscheiden, auch wenn ich keinen Rollstuhl leiden mögen würde oder auch keine Beinprothesen.“

    Ich habe jedoch ein Recht darauf selbst zu bestimmen welche Teilhabe ich für mein persönliches Leben und welche Hilfsmittel ich wünsche.
    Im Fall der gehörlosen Familie haben die Eltern das Recht zu entscheiden, dass das Kind nicht implantiert wird, wenn es ansonsten kerngesund ist. Es kann keine Kindeswohl-Gefährdung vorliegen, wenn es allein auf die Frage der Cochlea Implantation abzielt.
    Die Würde des Menschen ist unantastbar, die Würde der Familie ebenso.

    1. Liebe Katja,
      ich denke, dass ich formulierte, dass es nur um die allgemeine Frage, CI als ein Beispiel, geht, die ich als Vater treffen müsste.
      Ja, natürlich muss das Selbstbestimmungsrecht so weit wie möglich berücksichtigt werden. Allerdings besteht das große Problem, das zeigen die Erfahrungen, je früher ein taubes Baby operiert würde, natürlich vorausgesetzt ausreichender fachlicher Voruntersuchungen und den Tatsachen, dass man auch nach einer OP sehr viel Zeit investieren muss (ich sehe keinen Widerspruch zur Stellungnahme von der DCIG), dann die Chancen auf den Erfolg der Therapien, logopädische Trainings, etc. deutlich erfolgreicher sind.
      Das ist kein Beispiel gegen die Würde des Menschen und gegen die Würde der Familie, sonderN die Frage, wie kann “ich” am ehesten die Würde des Menschen schützen oder unterstützen. Denn, gerade als Vater muss man an das Beispiel denken, was ist, wenn das Kind z.B. später erfährt, es hätte Heilungschancen gegeben und dann ist die Zeit für den erwünschten Weg in die hörende Welt deutlich erschwert.
      Es wird stets eine schwierige Entscheidung bleiben, da man nie wissen kann, wie das Kind sich später entscheiden würde.
      Ich müsste also im Zweifel mich für eine OP entscheiden, in welcher “Welt” dann das Kind leben möchte, ist dann seine Entscheidung.
      Letztendlich würde sich dieser stetige Konflikt am besten lösen lassen, wenn die Inklusionsprozesse dahingehen, dass wir alle, egal wie oder was wir sind, einen selbstverständlichen Umgang miteinander finden. Dies wird wohl am ehesten möglich sein, wenn wir möglichst auch eine gemeinsame Sprache, neben den Muttersprachen, haben.
      LG
      Patrick

  2. Ich muss hier kritisieren, weil es ein gewaltiger Unterschied zwischen auditve und körperliche Beeinträchtigung ist. Die Beinamputierte – das mit den ich nicht so schlimm finde, da man sich prima mit den Hörenden reden kann. Die CI – Operation ist was wohl eine coole Sache der Welt – Wundermittel. Amen um der liebe Gehirn, wo viele Zentren des Gehirns sich jahrelang arbeiten. Unsichtbare Sache der Gehirn – da keiner es weiß, ob der Zentrum des Gehirns gut entwickeln kann. Nur 5% besseres Hören erbheblich und 40% geraubtes “Bildungsgehirn” dank dem CI – Operation! Nichts zu vergessen, dass es nur einmal ein Leben ist. Die CI – Sache spielt ein Leben des Kindes – dass alle sich auf das ahnungslose Kind mit der traurige Kinderseele zuschaut. Eine totale Absolution der Kraftzehrung des Kindes!

    Man denkt sich automatisch an die Zukunft des Lautspracherwerb dank der CI – Operation. Nach der Schule werden sie viele Hilfen gebrauchen – weil sie früher nicht viel die Gebärdensprache lernen können.

    Die große Geldverschwendung der Krankenkasse – dass der Beitrag von Jahr zu Jahr beitragen sein wird.

    So! Schließlich bist du nur hörend, weil du nicht mal kennst, wie man sich als gehörlose Kinder bzw. Erwachsene fühlt.

    Die Betroffene helfen die Betroffene.

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