Separierende und integrierende Vollinklusion

Immer noch wird der Begriff viel zu allgemein und zu pauschal formuliert. Diese Pauschalisierungen sind es auch, die dazu führten und führen, dass der Begriff Inklusion im Allgemeinen immer wieder völlig falsch definiert und interpretiert wird. Diese falsche oder nur unzureichende Interpretationen führen letztendlich zu den oft immer noch falschen Inklusionsprozessen.
Historisch gesehen gab es diese Prozesse der Inklusion und Separation, wobei der Begriff Inklusion noch relativ neu ist. Die wesentliche Grundlage für das heutige Verständnis Inklusion ist die Wissenschaft von Diversity bzw. Vielfalt.
Einerseits wollen wir eine gemeinsame Gesellschaft, die sich aus verschiedensten Menschen zusammensetzt. So verschiedenen wie wir sind, wollen zusammenleben und alle gemeinsam teilhaben, mit gleichen Chancen und Rechten an unserer Gesellschaft. Diese Herausforderung ist dann besonders groß, wenn wir es mit verschiedenen Gruppierungen mit unterschiedlichen Grundbedürfnissen und Kulturen haben. Denn, diese können zu Parallelgesellschaften führen. Welche Schwierigkeiten Parallelgesellschaften bringen können, erleben wir, wenn die verschiedenen Gesellschaften sich nicht ausreichend akzeptieren. Eine bloße Toleranz reicht ohnehin nicht für die Gesellschaft, die miteinander leben möchte.
Da der Begriff Inklusion sehr komplex ist und ich hier kein Buch verfassen möchte, deshalb Einfachhaber anbei ein Auszug aus Inklusion Online

9. Separierende und integrierende Vollinklusion

In einer Reihe von Funktionssystemen nimmt die Selbstverpflichtung der weltgesellschaftlichen Moderne auf Vollinklusion zunächst die Form einer separierenden Inklusion an. Frauen besuchen ‚höhere Töchterschulen‘, später ‚Liebfrauengymnasien‘, die sich um anspruchsvolle Ausbildung bemühen und dann noch später koedukativ werden. Auch Colleges separieren in einer Reihe von Fällen die Geschlechter, oder man wählt in ihnen eine Lösung, die Männer und Frauen zwar an derselben Universität studieren lässt, aber die Vorlesungsräume so gestaltet, dass die Mitglieder der beiden Geschlechter einander nicht sehen (Saudi-Arabien).

Im Sport schliesst die Prämisse und der Primat körperlicher Leistungsfähigkeit zunächst körperlich und auch geistig Behinderte aus. Dann aber erfindet man Wettbewerbe, die Behinderten in gleicher Weise globalen Leistungsvergleich zugänglich machen, wie dies zunächst nur für Nichtbehinderte möglich war. Einzelne behinderte Sportler können heute in Ansehen und Bewunderung mit nichtbehinderten Sportlern konkurrieren. Ähnlich operiert das Schulwesen mit immer neuen Spezialinstitutionen für spezielle Formen der Behinderung, die den bisher exkludierten Behinderten elementare und manchmal auch anspruchsvolle Schulbildung zugänglich machen.

Diese Erfindung separierender Formen der Inklusion, die eine offensichtliche Umsetzung der Selbstverpflichtung auf Vollinklusion ist, ist in unseren Tagen zunehmend umstritten. Immer mehr behinderte Sportler reklamieren die Partizipation am Leistungssport der Nichtbehinderten. Manche von ihnen erhalten speziellen ‚support‘ (an der Seitenlinie stehende ‚Dolmetscher‘ für taube Tennisspieler); andere ziehen Niederlagen den als unecht empfundenen Siegen über andere Behinderte vor (was ein weiteres Indiz dafür ist, dass Sieg/Niederlage sich nur begrenzt als Code des Weltsports eignet); dritte versuchen die Behinderung durch unbändigen Leistungswillen zu kompensieren, was die Differenz zu nichtbehinderten Leistungssportlern symbolisch und manchmal auch faktisch minimiert, da nichtbehinderte Sportler auch unablässig mit Verletzungen als körperlichen ‚constraints‘ kämpfen.

Eine noch stärkere Version der integrierenden Inklusion scheint sich in Teilbereichen des Schulwesens abzuzeichnen. Der Hintergrund ist die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 (Inkrafttreten 2008), die in der Tendenz Behinderung als Diversität deutet. Mit einer solchen Deutung entfallen Rechtfertigungen für eine separierende Inklusion Behinderter in spezifisch auf ihre Behinderung zugeschnittenen Sonder-/Förderschulen. Stattdessen gewinnt das Postulat der integrierenden Inklusion von Behinderten in die jeweiligen Regelschulen an Gewicht. Eine solche integrierende Inklusion kombiniert gewissermassen Inklusion und Integration. Inklusion in das Schulwesen wird ergänzt und überlagert dadurch, dass diese für alle Schüler auf denselben Schultyp bezogen wird (die jeweilige Regelschule). Dann wird zusätzlich Integration unabweisbar, wobei der Begriff der Integration im Unterschied zum Begriff der Inklusion die Wechselwirkungen der Beteiligten sichtbar macht. Alle Beteiligten müssen sich jetzt deutlicher auf Einschränkungen ihrer Wahl und Einschränkungen ihrer Freiheitsspielräume einstellen, die aus der Tatsache folgen, dass ein und dieselbe Schulklasse jetzt mit einer viel höheren Diversität der Beteiligten zurechtkommen muss. Integration im Sinne von wechselseitiger Einschränkung der Wahlmöglichkeiten wird dann für alle Beteiligten alternativenlos und mit Blick auf diese Einschränkungen als ‚constraints‘ kann man, wie dies für ‚constraints‘ generell gilt, entweder die Vorteile (die Erziehungswirkungen der Rücksichtnahme) oder die Nachteile (die Verluste an Individualisierung und Förderung) betonen.

Es ist eine vorläufig offene Frage, ob diese Umstellung auf integrierende Inklusion erfolgreich sein wird. Differenzen, die bisher Differenzen zwischen im Leistungsniveau separierten Klassen derselben Schule (wie in der amerikanischen ‚High School‘) waren oder Differenzen zwischen Schultypen, die Behinderungen und Vorteilen Rechnung trugen, werden jetzt als Differenzen in die integrative Klasse der Regelschule importiert.[21] Vermutlich lösen sie die situativ-kommunikative Einheit des Klassenverbandes auf zugunsten eines Nebeneinanders von miteinander koordinierten, aber parallel zueinander ablaufenden Fördersituationen. Ob dafür das Personal zur Verfügung steht, ist offen, und dies definiert eine anspruchsvolle und extrem kostspielige Bedingung des Erfolgs. Wenn diese Bedingung nicht erfüllt werden kann, ist die Möglichkeit nicht auszuschliessen, dass individuelle Förderbedarfe weit weniger kommunikativ berücksichtigt werden als dies in Sonder-/Förderschulen der Fall ist. Und dann droht im ungünstigsten Fall die integrierte Klasse, die die inkludierende Exklusion der Sonderschulen ersetzt, zu einem Ort der exkludierenden Inklusion zu werden, an dem das formale Moment der Inklusion in ein und dieselbe Klasse faktisch durch zunehmende Exklusion überlagert wird, weil die Abstände innerhalb der Klasse von Jahr zu Jahr grösser werden und dann beim Übergang zur Sekundarschule das Schulsystem erneut auf Sonderschulen zurückgreifen muss, die dann möglicherweise unter ungünstigeren Bedingungen starten, als dies vor der Behindertenrechtskonvention der Fall war.”

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